Als Zivilist den Kriegsfall überleben – Die komplette Vorbereitung für Deutschland

Aktualisiert Juni 2026 – geprüfte Empfehlungen

Ich habe zwölf Jahre bei der Bundeswehr gedient, davon vier als Sanitäter in Auslandseinsätzen. Ich sage dir das nicht um anzugeben — sondern damit du weißt: Ich habe gesehen, was passiert wenn Menschen unvorbereitet in Krisensituationen geraten. Und ich habe erlebt, was die macht, die vorbereitet waren.

Der Unterschied war fast nie Ausrüstung. Er war Wissen und ein Plan.

Dieser Artikel ist mein Versuch, dir beizubringen was ich in meiner Dienstzeit gelernt habe — ohne Alarmismus, ohne Panikmache, aber ehrlich und direkt.

Eines vorab: Ob Krieg nach Deutschland kommt, beantworte ich hier nicht. Das ist Sache von Politikern und Historikern. Was ich dir sage: Als Zivilist trägst du eine Verantwortung für dich und deine Familie — egal ob es zu einem Krieg kommt, zu einem schweren Blackout oder einer anderen großen Krise. Die Vorbereitung ist dieselbe.

Warum du dich jetzt vorbereiten musst — und nicht wenn es passiert

Das Erste was in einer Krise zusammenbricht ist nicht die Infrastruktur. Es sind die Nerven.

Menschen ohne Plan treffen unter Druck schlechte Entscheidungen. Sie kaufen das Falsche, fahren die falsche Richtung, warten zu lange. Ich habe das in Afghanistan beobachtet, ich habe es in Berichten aus der Ukraine gelesen, und ich sehe es hier in Deutschland bei jedem größeren Unwetter.

Vorbereitung bedeutet: Du hast bereits entschieden was du tust — bevor die Situation eintrifft. Das nimmt den größten Teil der Panik heraus.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt, dass jeder Haushalt 10 Tage lang autark sein kann. Die meisten deutschen Haushalte schaffen weniger als 2 Tage. Das ist die Lücke die wir schließen.

Was du in den ersten 72 Stunden wirklich brauchst

Die ersten 72 Stunden nach einem Krisenausbruch sind kritisch. Danach beginnen staatliche Strukturen (falls vorhanden) wieder zu greifen — oder die Situation klärt sich zumindest so weit, dass du weißt womit du es zu tun hast.

Minute null: Was sofort zu tun ist

Wenn die Sirenen heulen oder die NINA-App einen Alarm sendet:

  1. Rundfunk einschalten — Kurbelradio oder Batterie-Radio. ARD und ZDF sind im Notfall die offizielle Informationsquelle.
  2. Familie sammeln — Alle anrufen die erreichbar sind. SMS wenn das Netz überlastet ist.
  3. Keller aufsuchen — Bei unklarer Bedrohung oder Luftalarm: runter, weg von Fenstern.
  4. 72h-Rucksack greifen — Wenn Evakuierung nötig wird: fertig gepackt, direkt neben der Tür.
  5. Handeln statt starren — Plan ausführen, nicht warten.

Klingt simpel. Aber die meisten Menschen stehen im ersten Krisenmoment einfach da und schauen auf ihr Handy.

Der 72-Stunden-Rucksack — was wirklich reingehört

Ein 72h-Kit ist nicht für bequemes Camping gemacht. Es ist das Minimum um drei Tage zu überleben wenn du heute Nacht das Haus verlassen musst.

KategorieWasMenge
Wasser1,5L-Flaschen + LifeStraw-Filter3L + Filter
LebensmittelEnergieriegel, Nüsse, Hartkäse, Notfallrationen3 Tage / Person
DokumenteKopien Ausweis, Versicherung, KontaktlisteWasserdichte Hülle
BargeldKleine Scheine + MünzenMindestens 200€
Erste HilfeDruckverband, Tourniquet, Schmerzmittel, persönliche MedikamenteKompakt-Kit
KommunikationPowerbank (voll), Kurbelradio, Ladekabel
LichtStirnlampe + Ersatzbatterien
WärmeRettungsfolie, Windjacke
HygieneFeuchtücher, Desinfektionsmittel, BindenKlein-Päckchen
WerkzeugTaschenmesser, Duct Tape, Feuerzeug, Zündhölzer

Zielgewicht: unter 15 kg. Was schwerer ist, lässt du unter Stress irgendwann stehen.

Deinen Wohnort zum Schutzraum machen

Evakuierung ist nicht immer die richtige Wahl. In vielen Szenarien ist Shelter-in-Place — zuhause bleiben und abwarten — die bessere Option. Das setzt voraus dass dein Zuhause darauf vorbereitet ist.

Der Keller als Rückzugsort

Falls du einen Keller hast, richte dort einen Basisschutzraum ein:

  • Matratze, Feldbett oder zumindest Schlafsäcke
  • Vorräte an einem zentralen Platz
  • Radio + Powerbank
  • Eimer mit Deckel + Müllbeutel als Nottoilette
  • Mehrere Lichtquellen

Wichtig: Kellerfenster mit dicken Decken oder improvisierten Sandsäcken abdichten ist bei Splittergefahr keine Übertreibung — das ist Standardlehre im zivilen Bevölkerungsschutz.

Wasservorrat richtig anlegen

Wasser ist die kritischste Ressource. Nach drei Tagen ohne Wasser ist ein Mensch handlungsunfähig.

BBK-Empfehlung: 2 Liter pro Person und Tag, mindestens zwei Wochen.
Meine Empfehlung: 4 Liter pro Person und Tag (Trinken + Hygiene + Kochen) × 14 Tage.

Für eine vierköpfige Familie: 224 Liter = ca. 150 Flaschen à 1,5 L.

Alternativ: Ein IBC-Wassercontainer (1.000 L) im Keller oder Garten — einmal angeschafft, einmal befüllt, 6 Monate haltbar. Danach desinfizieren mit Natriumhypochlorit.

Wasserfilter + Desinfektionstabletten als Backup falls die Leitungsqualität unsicher wird.

Lebensmittel für mindestens 10 Tage

Nicht Gourmet. Überleben.

Was langfristig lagert:

  • Reis, Nudeln, Haferflocken (min. 2 kg pro Person)
  • Konserven: Bohnen, Mais, Tomaten, Fisch, Fleisch
  • Öl, Salz, Zucker, Honig
  • Kaffeepads und Tee (psychologisch wichtig — ernsthaft)
  • Energieriegel und Nüsse für sofortige Kalorienaufnahme

Wichtig: Rotationsprinzip. Was du lagerst verbrauchst du regulär und ersetzt es.

Strom, Wärme, Licht ohne Netz

Ein Blackout kommt im Krisenfall meist zuerst und dauert am längsten. Bereite dich darauf vor:

  • Campingkocher (Gas oder Spiritus) + Brennstoffvorrat
  • Powerstation (Jackery 500W o.ä.) — lädt via Solar oder vorher ans Netz
  • Kerzen (mindestens 20 Stück) + Feuerzeuge
  • Wolldecken — Körperwärme halten ohne Heizung
  • Wenn du einen Holzofen oder eine gasunabhängige Heizquelle hast: Goldwert im Winter

Wenn du fliehen musst — Evakuierung konkret planen

Manchmal ist Bleiben keine Option. Dann musst du schnell und zielgerichtet handeln.

Fluchtrouten festlegen bevor du flüchtest

Bevor eine Krise eintrifft: Fahre oder gehe deine Routen ab. Jetzt.

  • Route A: Hauptstraße zum nächsten Bahnhof oder zu Verwandten im Umland
  • Route B: Nebenstraße, falls Hauptstraßen blockiert sind
  • Route C: Zu-Fuß-Route, falls kein Auto möglich ist

Orientierungspunkte festhalten — nicht nur GPS, auch eine physische Karte.

Treibstoff: Halte deinen Tank immer über 50%. Im Ernstfall sind Tankstellen innerhalb von Stunden leer.

Treffpunkte und Familien-Kommunikationsplan

Einer der häufigsten Fehler ukrainischer Familien in den ersten Kriegstagen im Februar 2022 war: kein verabredeter Treffpunkt. Eltern suchten Kinder, Partner suchten Partner — jeder rannte in eine andere Richtung.

Legt jetzt fest:

  1. Primärer Treffpunkt: Zuhause (falls sicher)
  2. Sekundärer Treffpunkt: Ein bekannter Ort im Viertel (Kirche, Supermarktparkplatz, Schule)
  3. Tertiärer Treffpunkt: Adresse von Verwandten außerhalb der Stadt

Jedes Familienmitglied — auch Kinder ab sechs Jahren — kennt alle drei Adressen auswendig.

Dazu: eine Kontaktperson die nicht in eurer Stadt lebt. Diese Person nimmt Nachrichten entgegen und koordiniert Informationen wenn lokale Kommunikation zusammenbricht.

Das Auto als temporäre Notunterkunft

Falls keine Unterkunft erreichbar ist: Im Auto übernachten ist möglich, aber nur mit Vorbereitung:

  • Schlafsack + Decke dauerhaft im Kofferraum
  • 12V-Ladegerät für Handy
  • Essen + Wasser für 1–2 Tage im Kofferraum
  • Verdunkelungsfolie für Fenster (Privatsphäre + Wärmehaltung)

Kommunikation im Kriegsfall

NINA-App, Sirenen, Kurbelradio

NINA-App — jetzt installieren, Standort freigeben, Benachrichtigungen aktivieren. Kostenlos, offiziell, zuverlässig.

Sirenen — Deutschland baut das Sirenennetz seit 2021 wieder auf. Die Töne:

  • Heulton (auf und ab), 1 Minute: Warnung → Rundfunk einschalten, in Gebäude gehen
  • Dauerton, 1 Minute: Entwarnung

Kurbelradio — Das wichtigste Einzelgerät wenn Strom und Akkus leer sind. Modelle mit Solar-Ladefunktion sind einen Aufpreis wert. Mindestens ein Gerät pro Haushalt.

Familien-Notfallplan auf Papier

Schreib ihn auf. Laminiere ihn. Eines in den Rucksack, eines an den Kühlschrank, eines ins Handschuhfach.

  • Treffpunkte (Primär / Sekundär / Tertiär + Adressen)
  • Notrufnummern (110, 112)
  • Kontaktperson außerhalb der Stadt mit Festnetz
  • Blutgruppen aller Familienmitglieder
  • Dauerhaft nötige Medikamente
  • Route A + B aus der Stadt

Nachbarschaft als Überlebensstrategie

Das höre ich regelmäßig: „Ich bin vorbereitet, aber meine Nachbarn…“ — das ist die falsche Denkweise.

In Krisen ist die direkte Nachbarschaft oft die wichtigste Ressource. Nicht der Staat, nicht das Militär — die Menschen die in deiner Straße wohnen.

Die Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg und aus jüngeren Konflikten zeigen dasselbe Muster: Gemeinschaften die sich kannten und organisierten überlebten besser — nicht weil sie mehr hatten, sondern weil sie effizienter mit dem umgingen was sie hatten.

Was du jetzt tun kannst:

  • Sprich Nachbarn an. Informell, ohne Drama: „Ich beschäftige mich gerade mit Krisenvorsorge — habt ihr eigentlich…?“
  • Finde heraus: Wer hat medizinische Kenntnisse? Wer hat einen Generator? Wer hat handwerkliche Fähigkeiten?
  • Tauscht Telefonnummern aus — auch Festnetz, falls Mobilfunk ausfällt
  • Denkt über eine gemeinsame Notreserve nach: ein extra Wasserkanister im Hausflur kostet wenig

Fähigkeiten sind wertvoller als Güter. Ein ausgebildeter Ersthelfer im Haus nebenan ist mehr wert als zehn Konserven.

Mentale Stärke — der Faktor den alle unterschätzen

Ich sage das als jemand der im Auslandseinsatz gesehen hat wie Menschen zusammenbrechen: Der Körper gibt fast nie zuerst auf. Es ist der Geist.

Was ukrainische Zivilisten ab 2022 gelernt haben

Ich habe mit ehrenamtlichen Helfern gesprochen die eng mit Geflüchteten aus der Ukraine zusammengearbeitet haben. Was immer wieder berichtet wurde: Die Menschen die am besten damit umgingen, hatten eines gemeinsam — sie hatten Routine.

Auch unter Beschuss, auch im Keller: fester Schlafrhythmus, gemeinsame Mahlzeiten, etwas womit besonders Kinder beschäftigt werden konnten. Normalität im Kleinen bewahrt die mentale Gesundheit.

Was du jetzt trainieren kannst:

  • Stresstoleranz aufbauen: Sport, kalte Duschen, bewusste digitale Auszeiten. Das klingt lächerlich — es funktioniert.
  • Routine vertrauen: Du hast einen Plan. Wenn es losgeht, führst du ihn aus — du improvisierst nicht.
  • Kontrollierbare Dinge fokussieren: Du wirst nicht alles kontrollieren können. Energie in das investieren was du beeinflussen kannst.

Kinder auf den Ernstfall vorbereiten

Nicht mit Horror-Szenarien. Mit Vertrauen und Routine.

Erkläre Kindern altersgerecht:

  • Wo die Treffpunkte sind (auswendig lernen)
  • Was die Sirene bedeutet und was dann passiert
  • Was im Rucksack ist und warum

Übt es als Familie einmal durch — wie eine Brandschutzübung. Kein Drama, nur Ablauf. Kinder die wissen was zu tun ist, werden in Krisen deutlich ruhiger. Und ruhige Kinder beruhigen auch die Erwachsenen.

Erste Hilfe die du wirklich brauchst

Du musst kein Sanitäter werden. Aber du musst das Minimum können.

Absolutes Minimum:

  1. Starke Blutungen stoppen — Druckverband anlegen, Tourniquet anlegen (kostet 15€, rettet Leben)
  2. Stabile Seitenlage — bei Bewusstlosigkeit
  3. Herzdruckmassage — Kurs beim DRK, 4 Stunden, günstig, einmal im Leben machen
  4. Brandwunden behandeln — kühlen mit fließendem kalten Wasser, niemals Fett oder Butter

Erste-Hilfe-Ausrüstung im Rucksack:

  • Israeli Bandage (Druckverband + Wundverschluss kombiniert)
  • CAT-Tourniquet
  • Octenisept oder vergleichbares Wunddesinfektionsmittel
  • Sterile Einmalhandschuhe
  • Ibuprofen + Paracetamol
  • Persönliche Medikamente für mindestens 4 Wochen

Meine klare Empfehlung: Mach einen Erste-Hilfe-Kurs live — nicht aus dem Video. Der DRK bietet sie regelmäßig an, oft kostenlos oder günstig.

Dokumente und Finanzen sichern

In Kriegs- und Krisenszenarien verlieren oder zerstören Menschen regelmäßig ihre wichtigsten Dokumente. Das macht die gesamte Nachsorge massiv schwerer — von Versicherungsabwicklung bis Ausweisersatz.

Dokumente-Checkliste:

  • Personalausweis / Reisepass — Original + Kopie
  • Krankenversicherungskarte
  • Geburts- und Heiratsurkunden
  • Versicherungspolicen (Haftpflicht, Hausrat, KFZ)
  • Mietvertrag oder Eigentumsdokumente
  • Testament + Vollmachten
  • Impfpass
  • Liste aller Kontonummern und IBAN

Aufbewahrung: Originale in wasserdichter, feuerfester Dokumententasche. Digitale Kopien auf verschlüsseltem USB-Stick und in einem sicheren Cloud-Speicher.

Bargeld: Mindestens 500€ in kleinen Scheinen und Münzen zuhause. Kartenzahlung fällt bei Stromausfall sofort aus — auch alle Geldautomaten.

Historisch gilt: Alkohol, Kaffee und Tabak werden in Krisenzeiten zu wertvollen Tauschmitteln. Falls das für dich moralisch akzeptabel ist, lohnt ein kleiner Vorrat.

Häufige Fragen zum Überleben im Kriegsfall

Soll ich fliehen oder bleiben wenn Krieg ausbricht?
Bleibe wenn dein Wohnort nicht im unmittelbaren Konfliktgebiet liegt und dein Zuhause sicher ist. Evakuiere wenn offizielle Stellen dazu aufrufen oder wenn direkte Kampfhandlungen in deiner Nähe stattfinden. Entscheide nicht aus Panik — entscheide nach Plan.
Wie lange kann ich in meinem Keller überleben?
Mit ausreichend Vorrat, Wasser und Wärme theoretisch mehrere Wochen. Psychologisch ist die Grenze ohne frische Luft und Tageslicht früher erreicht. Wechsel zwischen geschütztem Aufenthalt im Keller und ruhigeren Phasen im Haus ist der realistische Ansatz.
Was kaufe ich zuerst?
Wasser und ein Kurbelradio. Dann Lebensmittelvorrat. Dann Erste-Hilfe-Ausrüstung. Reihenfolge: Wasser → Information → Essen → Erste Hilfe → Wärme.
Muss ich Waffen besitzen um im Kriegsfall zu überleben?
Als Zivilist in Deutschland: Nein. Die allermeisten Überlebensszenarien für Zivilisten spielen sich nicht in direkten Kampfsituationen ab — sondern in der Phase davor und danach. Konfrontation vermeiden ist immer der bessere Weg.
Wie bereite ich Kinder vor ohne sie zu ängstigen?
Mit Routine statt Drama. Erkläre den Notfallplan wie eine Feuerwehrübung — was wir tun, nicht wovor wir Angst haben. Kinder die einen Plan kennen sind ruhiger als Kinder die im Dunkeln gelassen werden.
Ist all das wirklich nötig?
Das ist eine Frage die jeder selbst beantwortet. Was ich sage: Das BBK hat seit 2022 die Zivilschutzkonzepte überarbeitet, Schweden und Polen verteilen aktiv Krisenbroschüren an ihre Bürger, und die Bundeswehr plant Reservistenzahlen zu verdoppeln. Vorbereitung ist keine Paranoia — sie ist Verantwortungsbewusstsein für dich und deine Familie.

Thomas Bergmann hat 12 Jahre bei der Bundeswehr gedient, davon vier als Sanitäter in Auslandseinsätzen. Er ist Mitgründer von ueberlebenstipps.de und schreibt über zivile Krisenvorsorge, Outdoor-Survival und Notfallplanung.